Interview

Fünf Fragen von FulltiME #fff … an Marcel.

Mein erster Interviewpartner ist Marcel, den ich über eine Diskussion auf Facebook kennengelernt habe.
Ich habe seine Meinung mutig gefunden und mir ein Herz gefasst und ihn um ein Interview zum Thema “Väter & elterliche Verantwortung” gebeten.

Zum Glück hat er es mir einfach gemacht und zugesagt – und schon geht es los.

Marcel ist 33 Jahre alt, Projektmanager und arbeitet 45-50 Stunden / Woche. Er ist verheiratet mit der Autorin Dania Dicken, deren wundervoller Werke ihr hier (amazon) bestaunen könnt.
Beide haben eine 2 jährige Tochter, die bis zu ihrem 3. Lebensjahr von Dania (hier findet ihr ihre Website!) zuhause betreut wird.


FulltiME Magazin: Marcel, danke erst einmal für deine Zusage zu diesem Interview.
Ich bin durch einen Kommentar bei Facebook auf dich aufmerksam geworden, in dem es darum geht, dass manche Frauen die Tatenlosigkeit der Väter in Bezug auf die gemeinsamen Kinder schweigend hinnehmen. Die Männer arbeiten > 50 Stunden und die Frau nimmt hin, dass sie sich kaum mit ihren Kindern beschäftigen. Du reagierst recht emotional darauf und sagst: “Auch Männer dürfen Kompromisse eingehen.”
Du arbeitest als Projektmanager selber viele Stunden – wie löst ihr das Problem mit eurer Tochter? Wie ist euer Kompromiss? Schließlich sollte bei einem 50 Stunden Job deine Tochter auch häufig noch oder schon wieder schlafen, während du zur Arbeit gehst.

Marcel: Das Gute an der Projektarbeit ist, dass es Höhen und Tiefen gibt. Sicherlich gibt es Phasen, in denen ich zwischen 50 und 60 Stunden arbeite – das auch gerne – und im Umkehrschluss sehe ich meine Tochter dann nicht so viel, wie ich es gerne hätte.
Auf der anderen Seite gibt es auch eher ruhigere Phasen im 40 Stunden-Bereich und Homeoffice in besonders dienstreiselastigen Monaten. Zudem habe ich meine Arbeitszeit deutlich nach vorne gelegt (im Büro um 6, statt um 8), um so z.B. nach hinten raus etwas mehr Zeit zu gewinnen.
Klar, morgens schläft meine Tochter noch, wenn ich so früh im Büro bin. Abends geht sie derzeit gegen 20:00 schlafen, so dass ich immer ca. 4,5 Stunden Zeit pro Wochentag mit ihr habe.

Am Wochenende natürlich den vollen Tagesumfang. Bestimmt wird sich das im Laufe ihrer Entwicklung noch zigmal ändern, aber dann wird wieder angepasst. Natürlich lässt sich sowas nicht in jedem Job machen und schon gar nicht pauschalisieren. Man sollte jedoch immer die Möglichkeiten erwägen, die man(n) hat.
Ein Beispiel dafür ist die Elternzeit, die mir als Papa wirklich viel bedeutet hat. Ich habe mich dazu entschieden, die ersten zwei Monate nach der Geburt Elternzeit zu nehmen, um gerade die wichtige Anfangsphase der Entwicklung meines Kindes miterleben und eine Bindung zu meiner Tochter aufbauen zu dürfen. Auch meine Frau fand die Unterstützung toll. Dass das richtig war, sehe ich jetzt jeden Tag und dafür habe ich nur zu gerne einen Teil meines Einkommens hergegeben.

FulltiME Magazin: Stellen wir uns vor, dass deine Frau und du identischen Stundenlohn erhalten. Welches Familien- / Arbeitsmodell würdet ihr in diesem Falle wählen?

Marcel: Zum Glück müssen wir nicht darüber verhandeln, wer wie lange oder wie oft in ein Büro geht. Ich bin Angestellter, meine Frau arbeitet von zu Hause als freiberufliche Autorin u.a. für einen großen Verlag.

Das Schreiben war für sie schon immer der große Traum und durch meinen verhältnismäßig gut bezahlten Job konnten wir die schwierige Anfangsphase ihrer Freiberuflichkeit überbrücken.
Inzwischen ist ihr Einkommen auf demselben Level wie zu der Zeit, als sie noch Angestellte war. Ihr Stundenlohn ist zwar niedriger als meiner, aber die Flexibilität ihrer Arbeit bringt auch viele Vorteile mit sich: es ist immer jemand zu Hause, um diverse Dinge zu managen und wir mussten uns nicht früh um eine Kinderbetreuung kümmern.
Von den äußeren Umständen abgesehen, hat sich meine Frau auch bewusst dafür entschieden, vor allem die ersten Jahre intensiv mit unserer Tochter zu verbringen. Die zweitgrößte Einbuße neben dem Einkommen ist, seitdem wir ein Kind haben, die Freizeit.

Meine Frau schreibt zu den Zeiten, in denen unsere Tochter schläft, also mittags und abends. Zwischen den Arbeitsphasen steht Kinderbetreuung auf dem Programm.
Deshalb freuen wir uns schon, wenn unsere Tochter bald mit zweieinhalb in die Kita kommt. Meine Frau bekommt dadurch mehr Schreibzeit – und Freizeit, denn davon hat sie im Moment fast noch weniger als ich. Um aber konkret auf die Frage zu antworten: Bei angeglichenem Stundenlohn würden wir uns zwar über das Mehreinkommen freuen, an der Aufteilung vermutlich aber nichts ändern, da wir mit der jetzigen Aufteilung beide zufrieden sind.

FulltiME Magazin: Was hast du dir als Vater einfacher vorgestellt? Was ist deine größte Herausforderung, seitdem du Vater geworden bist?

Marcel: Puh, schwierige Frage.
Es ist schwierig, sich vorher etwas vorzustellen, was man noch nie hatte. Es ist ja mein erstes Kind.
Mit am schwierigsten finde ich die Abgewöhnung eingefahrener Selbstverständlichkeiten. Essen gehen mit Freunden? In einem gewissen Alter meiner Tochter ist das schwierig. Spontaner Filme- oder Spieleabend? Aber nur bei uns, da wir keinen Babysitter haben – dafür leben die Großeltern mit 45 Kilometern leider zu weit entfernt.
Diese Umgewöhnung empfinde ich als schwierig. Die größte Herausforderung jedoch ist meiner Meinung nach mit den Eigenschaften konfrontiert zu werden, die man sich selber schon nervig findet und die das Kind nun an den Tag legt. Das raubt besonders viele Nerven. 😉

FulltiME Magazin: Auf der anderen Seite: Was klappt besonders gut – und was ist besser als du es dir je hättest vorstellen können?

Marcel: Was für mich als Papa sehr gut klappt, ist der Umgang mit meiner Tochter in emotionalen Situationen.
Papa ist nicht zur zum Spielen gut oder zum Rumalbern, sondern auch ein Zufluchtsort, eine Trostspender oder derjenige, bei dem sie heute mal einschläft. Ich finde, dass mir diese Bindung die anfangs wahrgenommene Elternzeit ermöglicht hat. So konnte sich meine Tochter auch schon sehr früh an mich gewöhnen und ich mich an sie.
Etwas, was meiner Meinung nach viel zu viele Väter vernachlässigen. Zumindest werde ich von erstaunlich vielen Kollegen darum beneidet.

FulltiME Magazin: Wenn du in Deutschland etwas in Bezug auf “Kinder kriegen / haben” ändern könntest – was würdest du tun?
Bessere Kinderbetreuung? Bessere finanzielle Unterstützung? Was glaubst du, lässt die Deutschen hadern Kinder zu kriegen?
Und was glaubst du, klappt im Vergleich zu anderen Ländern in Deutschland sehr viel besser? Was sind unsere Vorteile?

Marcel: Das ist vielleicht etwas untypisch, so etwas von einem Mann zu hören, aber hier habe ich durchaus eine sehr eindeutige Meinung und stehe auch voll dahinter.
Man sollte eingangs vielleicht wissen, dass die Geburt unserer Tochter in einem Geburtshaus stattfand. Meine Frau und ich sind nach der Devise verfahren: Mit einer Krankheit geht man ins Krankenhaus und für eine Geburt ins Geburtshaus.
Die allermeisten Geburten könnten spontan und ohne große Eingriffe stattfinden. Und da liegt, meiner Meinung nach, der Hund begraben. Gefühlt wird Frauen viel zu oft eingeredet, sie können Geburten mittlerweile nicht mehr ohne Betreuung in einem Krankenhaus durchstehen.
Viel zu schnell wird eingeleitet oder ein Kaiserschnitt gemacht und die Geburtsberichte sind mit unschönen Adjektiven gefüllt, die eher eine Horrorstory beschreiben – aus unserem Bekanntenkreis kennen wir davon zu viele und vieles ist für mich nicht überraschend. Tiere legen sich ja schließlich auch nicht mitten auf ein ausgeleuchtetes Fußballfeld, wo jeder zugucken kann, sondern ziehen sich in den sicheren Bau zurück. Dementsprechend sollten Geburtshäuser viel mehr gefördert werden und auch die Hebammenbetreuung könnte hierzulande deutlich ausgebaut werden. In England und den Niederlanden zum Beispiel ist die Hausgeburtenrate um einiges höher als bei uns in Deutschland, bei unseren holländischen Nachbarn werden ein Drittel der Kinder zu Hause geboren.
Neben der Betreuung während der Geburt sollte später auch die Kinderbetreuung etwas flexibler gestaltet werden. Die meisten Betreuungsmodelle sehen beispielsweise kaum noch Möglichkeiten unter 35 Wochenstunden vor und sind auf Familien ausgelegt, in denen beide Elternteile auswärts arbeiten gehen.
Die Betreuungsangebote sind nicht individuell genug. Die Abhilfe wäre zwar einfach, jedoch auch sehr personalintensiv. Was hauptsächlich fehlt, ist – meiner Meinung nach – ein Umdenken bei vielen Arbeitgebern. Dass Väter Elternzeit nehmen, ist noch nicht in jedem Kopf angekommen und viele Arbeitgeber reagieren auch nicht flexibel genug auf Arbeitnehmer mit Kindern. Kinder sind leider hierzulande noch eine „Entweder/oder“-Sache: Entweder Job – oder Kind.
Beides unter einen Hut zu bekommen ist gefühlt nicht willkommen – besonders Frauen bekommen das zu spüren.

Was ich in Deutschland gut finde ist die finanzielle Unterstützung vom Staat in Form von Mutterschafts- und Elterngeld. Mutterschutz und Elternzeit generell finde ich sehr wichtig: In den USA beispielsweise muss eine gerade frisch gebackene Mutter, wenn sie nicht am ersten Tag nach der Geburt wieder im Büro sein möchte, ihren Urlaub mühevoll zusammensparen. Da sind wir schon ein ganzes Stück weiter – und das ist auch gut so.

FulltiME Magazin: Vielen Dank für deine Antworten, lieber Marcel, ich freue mich sehr, dass ich so ein tolles & ehrliches Interview online stellen darf.


About the author

Claudia

Claudia

Gründerin & Chefredakteurin von FulltiME.
Vollzeitbeschäftigte Ehefrau und Mama einer Tochter.
"You are not too busy. It's just a matter of priorities".
Claudia möchte mit dem Magazin gerne zeigen, wie man Beruf, Familie und eigene Bedürfnisse unter einen Hut bekommt.

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