Aktuelles Mindset Schulkinder Stress Vereinbarkeit

Und wann öffnen die Krippen und Kitas wieder?

Vor ein paar Stunden habe ich im Netz gelesen, dass in Hessen am 09. Mai die Indoorspielplätze wieder öffnen dürfen.

In Berlin dürfen ab 25. Mai wieder 100 Personen eine Versammlung abhalten.

Und wann öffnen die Krippen und Kitas wieder?

Ganz ehrlich: ich verstehe viel in diesen Corona-Zeiten. Ich verstehe, warum ich nun inzwischen fast 8 Wochen täglich eine Zerreißprobe bestehe, die ihresgleichen sucht.

Ich habe Verständnis. Ich werbe auch dafür. Wir alle erwarten Antworten von der Politik, die sie genauso wenig haben, wie wir.
Die einfach hoffen und beten, die richtige Entscheidung zu treffen.

Aber heute Abend mag ich nicht. Ich will kein Verständnis haben.
Ich bin kaputt. Müde. Ausgelaugt. Ohne Kraft.

Und nein, das ist kein Jammern, kein Meckern und kein Maulen. Das ist eine Tatsache.
Ich arbeite Vollzeit, mein Mann ebenfalls und unsere 3-Jährige Tochter tüddelt dazwischen irgendwie rum.

Abends fragt sie: habt ihr morgen wieder für mich Zeit?

So etwas sollte ein Kind seine Eltern nicht fragen müssen. Sie sollte nicht das Gefühl haben, dass sie das fünfte Rad am Wagen ist. Das wir sie nur nebenher betreuen.

Denn sie hat Priorität. Sie ist unsere Priorität. Immer. Aber leider versteht sie das nicht.

Wie auch?

Und leider müssen wir eben versuchen unsere Vollzeitjobs nebenbei auszuüben. Und egal, wie sehr wir es versuchen, es ist ein Gerenne, Gezerre und Generve.

Egal, wie gelassen wir tun, wir sind gestresst. Müde. Genervt.

Trotzdem lächeln wir unsere Tochter an. “Mama hat immer Zeit für dich, mein Schatz.”
Wir lächeln unsere Kollegen an. “Es lässt sich irgendwie machen.”
Wir lächeln uns gegenseitig an. “Mach du ruhig den Termin, ich schiebe, kein Problem”.

Alles sind Lügen.

Mama hat nicht immer Zeit. Eigentlich tagsüber gar nicht. Aber ich nehme sie mir. Weil ich es will. Weil ich nicht möchte, dass unsere Tochter sich schlecht fühlt.

Es lässt sich auch nicht irgendwie machen, das mit der Arbeit und der Kinderbetreuung. Es geht einfach nicht.
Ich antworte schnell auf dem Handy, während ich puzzle und nehme den Videocall an, während ich Pfannkuchen wende. Was soll ich auch anderes tun?

Und mein Mann? Wir haben beide das Gefühl, zu wenig zu tun. Mit Ach und Krach schaffen wir unsere Arbeitszeit und das auch nur unter Aufbringung sämtlicher Kräfte. Jeder würde gerne mehr und ranzt den anderen an, wenn er das Gefühl hat, zu kurz zu kommen.

Das schlechte Gewissen läuft immer mit. Egal wann, egal wo, egal bei wem

Das schlechte Gewissen schlägt sofort ein, wenn man einmal kurz am Tisch sitzt, “in Ruhe” ein bisschen was isst und einfach nur blöd in sein Handy schaut.
Mal abgesehen davon, dass einen die innere Unruhe nur selten ruhig sitzen lässt, fühlt man sich direkt ertappt, wenn der Partner oder das Kind den Raum betreten.

Wir zerreißen uns. Jeden Tag.

Mit uns jeden Tag viele andere Eltern, die einfach nur das Beste wollen. Für ihre Kinder, ihre Arbeitgeber, sich selber.

Und doch geht es ihnen wie mir, jeden Abend. Ich bin erschöpft. Meine Kraftreserven sind leer. Sehr leer.
Ich mag nicht an den morgigen Tag denken, an dem dieses Hamsterrad wieder von vorne beginnt. An dem ich wieder schnell aus dem Bett springe, meinem Mann einen raschen “Guten Morgen” wünsche, das Kind kurz küsse, mich fertig mache und schnell an den PC muss.
Weil ich genau weiß: um halb zehn ist meine erste Schicht vorbei. Bis dahin muss ich ordentlich was geschafft haben.

Ich möchte keine Übergabe mehr mit meinem Mann machen müssen. Ihm sagen: “du, ich hab einen Termin reinbekommen.. Kannst du was machen, oder müssen wir das iPad rausholen?

Ich möchte nicht mehr gut gelaunt in die Kamera gucken und so tun, als wäre das alles total easy machbar.
Ist es nämlich nicht.

Es ist einfach gerade scheiße.

Und ich weiß, dass ich in einer beschissenen Situation noch komfortabel gebettet bin.
Wir haben einen Garten. Unsere Tochter ist ein zauberhaftes, freundliches Mädchen, dass schon viel zu viel von diesem ganzen Scheiß versteht und Verständnis (!!!) hat. Verständnis dafür, dass Papa schon wieder eine Videokonferenz hat und Mama dringend kurz (wer glaubt’s? Ich nicht!) eine Mail schreiben muss.

Aber bis vor ein paar Stunden hatte ich noch Hoffnung.

Das es irgendwie “gerecht” ist. Obwohl ich schon das Gefühl hatte, dass die Politik keinen Plan hat, wie das gehen soll, mit den Kindern.

Jetzt weiß ich es besser und ich bin wütend und traurig.

Wieso kann ich am Wochenende mit meiner Tochter in einen Indoorspielplatz gehen, oder mich mit 100 anderen Personen treffen.. aber nicht mein Kind in die Kita geben?

Warum? Ich verstehe ich es nicht. Kann mir das einer erklären?

Ich möchte das noch nicht einmal vordergründig für mich.

Nun. Let’s be real: Natürlich möchte ich das auch für mich. Weil ich – wir – mal eine Pause brauchen.

Aber über all dem braucht meine Tochter die Kita. Sie braucht andere Kinder, mit denen sie interagieren kann, die mir ihr altersgerecht spielen. Pädagogen, die mit ihr tolle Sachen basteln und pädagogisch sinnvolle Dinge tun. Ich kann das alles nämlich nicht.
Ich kann weder basteln, noch besonders schön singen, tanzen oder .. ich weiß es nicht mal. Weil ich kein Pädagoge bin.

Ich weiß nur, dass meine Tochter gerne in die Betreuung geht. Gerne spielt, dort lernt und dann fröhlich wieder heim kommt, weil sie einen tollen Tag hatte.

Aber leider wurde auch jetzt wieder nicht daran gedacht, uns Eltern und Kindern das Leben wieder leichter zu machen.

Wir kämpfen jeden beschissenen Tag für diese Meldung, die uns erlöst.

Und dann hören wir, dass Indoorspielplätze öffnen. Indoorspielplätze, die schlimmer sind, als jede Kita.

Ich sitze hier und schüttle meinen Kopf. Aus Verzweiflung. Aus Wut und Enttäuschung.
Weil mich irgendwie das Gefühl beschleicht, dass man uns Eltern, die sich jeden Tag seit beinahe acht Wochen, vergessen hat. Oder vergessen wollte.

Womöglich bin ich morgen wieder entspannter und denke mir: es wird schon kommen. Irgendwann.
Und bis dahin musst du durchhalten. Lächeln, nicken, weitermachen.

Aber heute Abend rolle ich mich gleich kurz zu meinem schlafenden Mädchen ins Bett, schnuppere an ihr und weine ein paar Tränen in meinen Pullover.

Weil irgendwie.. scheint es mir heute Abend einfach nicht gerecht.*


*Sparen wir uns an dieser Stelle den Hinweis, dass es genügend Personen gibt, die diese Krise hart trifft. Das tut es. Ich schmälere keines dieser Probleme, weil jedes real ist und seine Berechtigung hat.
Ich teile den Schmerz mit allen, die leiden. Die nicht entschleunigen.
Aber diese Indoorspielpatz-offen-Kita-zu-Logik erschlägt mich. Und bringt mein Vertrauen in die Entscheidungen der Politik ins Wanken. Wenigstens heute Abend.

Tags

About the author

Claudia

Claudia

Gründerin & Chefredakteurin von FulltiME.
Vollzeitbeschäftigte Ehefrau und Mama einer Tochter.
"You are not too busy. It's just a matter of priorities".
Claudia möchte mit dem Magazin gerne zeigen, wie man Beruf, Familie und eigene Bedürfnisse unter einen Hut bekommt.

1 Comment

Click here to post a comment

  • Hallo Claudia,

    uns geht es als Familie zurzeit genauso. Kleine Familienfirma, Umsatzeinbußen dank angeschlagener Weltwirtschaft (inkl. Kurzarbeit, während “inoffiziell” natürlich an die Grenzen gegangen wird), dreijähriges Kind zu Hause, wenn eine Verwandte sie nicht mal ein oder zwei Tage in der Woche bespaßen kann. “Nebenher”, also neben Homeoffice, Kind und anderen Prioritäten, renovieren wir seit Ende letzten Jahres einen Altbau.

    Bisher haben wir Bau und Firma immer noch halbwegs geschafft, die Kitaschließung macht es aber nun verflixt schwierig. Mir geht es ähnlich wie dir – solange noch halbwegs alle Branchen und Arbeitende “in einem Boot” saßen und es allen gleich bescheiden dabei ging, konnte ich den Betreuungsnotstand noch akzeptieren. Aber nun dürfen alle wieder ins Restaurant, zur Volkshochschule, in die Sauna/ins Schwimmbad und sogar die BUNDESLIGA darf starten! Spätestens bei der letzten Meldung hab ich mich dann vollkommen veräppelt gefühlt. Wie sollen denn Fußballer ohne Körperkontakt spielen- und warum dürfen dann Kinder nicht mehr in ihre Kita?

    Also, ja, ich bin genauso stocksauer wie du. Nicht darüber, dass andere wieder öffnen und weitermachen dürfen. Sondern darüber, dass ausgerechnet bei den Kleinsten mal wieder gebremst wird. Als ich heute die Meldung gelesen habe, dass man ab September wieder einen “eingeschränkten Regelbetrieb” auffbauen wolle, wusste ich nicht, ob ich schreien oder laut lachen soll. Nun wird der Leserbrief fast länger als der Artikel, deswegen bremse ich mich hier mal … und setze mich an ein paar Korrekturen im Marketingvideo ;).

    Viele Grüße
    Cat

Newsletter


Hier findest du uns!

Don't be shy!
Wir freuen uns mit dir in Kontakt zu treten!

Instagram

Instagram has returned empty data. Please authorize your Instagram account in the plugin settings .

FulltiME Community