Mindset

Warum Vereinbarkeit Bullshit ist.

Bevor das FulltiME Magazin online gegangen ist, habe ich lange überlegt, ob Vereinbarkeit das Schlagwort für das Magazin ist.
Schließlich geht es hier doch irgendwie darum, oder?

Warum Vereinbarkeit Bullshit ist.

Letztendlich habe ich mich mit voller Überzeugung gegen das Wort Vereinbarkeit entschieden und schreibe jetzt auch das erste Mal aktiv darüber.

Warum?

Ganz einfach: Vereinbarkeit ist Bullshit. Ziemlich großer, verlogener und ausgemachter Blödsinn.

Dieser Artikel könnte ein Buch füllen. Von Frauen und Männern, die alle eine andere Sichtweise auf Vereinbarkeit haben und wieso sie für sie selber nicht funktioniert.

Was soll uns Vereinbarkeit suggerieren?

Vereinbarkeit soll uns sagen: Hey, Muddi, Hey Vaddi, Job und Familie, das geht! Wenn es nicht geht.. muss wohl an dir liegen.
Weil es heißt ja “Vereinbarkeit”. Und nicht Abstriche-Machen oder – ganz plump: Unvereinbarkeit.

Was ich von Vereinbarkeit halte?

Was ich von Vereinbarkeit halte? Nichts. Gar nichts.
Für mich existiert Vereinbarkeit schlicht und ergreifend nicht.

Natürlich, ich schaffe es eine Art Balance zu finden, in der ich mein privates und berufliches Leben zusammenbringe, aber vereinbart habe ich hier gar nichts.

Läuft alles “rund”, könnte man tatsächlich darüber nachdenken, ob die Vereinbarkeit von Familie und Beruf tatsächlich existiert.
Sobald aber Stolpersteine auftreten – und die sind so sicher wie das Amen in der Kirche – hat es sich aus-vereinbart.

Und wieso klappt Vereinbarkeit nicht?

Ich würde sagen, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass ein junges Kind mehr als 10 Arbeitstage im Jahr krank ist.
Mehr als diese 10 Tage kann ich allerdings nicht über eine Kinderkrankschreibung frei bekommen. Und dann?
Was, wenn man keinen flexiblen Arbeitgeber hat? Keine Großeltern in der Nähe? Kein Homeoffice machen kann, oder flexible Arbeitsstunden hat?

Und was macht man eigentlich mit Lohnausfällen innerhalb der Kinderkranktage (der Arbeitgeber ist nicht in jedem Fall verpflichtet einen kompletten Lohnausfall durch Krankheit des Kindes abzudecken. Der Lohn kann auf bis zu 70% reduziert werden.) oder an den Tagen, die man zusätzlich möglicherweise unbezahlt frei nehmen muss?

Und was tut man, wenn die Kinder 12 Jahre alt geworden sind und man keinen Anspruch mehr auf Kinderkranktage hat?
Ich vermute stark – auch wenn meine Tochter noch keine 12 Jahre ist – das Kinder auch mit 13 oder 16 Jahren noch krank werden und ihre Eltern brauchen.

Und wie vereinbar ist es eigentlich, wenn ich nicht den Krippen- oder Kitaplatz bekomme, der mir meine gewünschte Vollzeitanstellung sichern würde?
Oder was tue ich, wenn meine Kinder keinen Hortplatz haben und nicht zufällig eine Ganztagsschule besuchen?
Ist es vereinbar für mein Kind, dass es sich täglich alleine aufschließt und sich seine Suppe in der Mikrowelle warm macht? Und ein paar Stunden alleine zu Hause sitzt?
Weil die Familie das Geld braucht?

Da sehe ich viel, aber mit Vereinbarkeit hat das nichts zu tun.

Es fühlt sich mehr an wie ein stressiger Hindernisslauf, bei dem man manchmal Glück hat und ohne Blessuren eine Runde übersteht – und manchmal aber eben auch jede Hürde umreißt und sich das Kinn aufschlägt.

Auch ohne Kind leidet man an unter Vereinbarkeit

Es hat nichts mit Vereinbarkeit zu tun, wenn ich eine Stelle nicht antreten kann, weil ich verheiratet bin und im gebärfähigen Alter – weil hinter nur halb verschlossenen Türen der Chef und der Personaler sagen: das ist mir zu risikoreich.
Schon ohne Kind, als jemand, der nichts vereinen müsste, außer seiner Work-Life-Balance, steht man dort und ist betroffen von der Unvereinbarkeit. Nur, weil man einen Ring am Finger hat, 30+ Jahre alt ist und einen BH trägt.

Wo ist die Vereinbarkeit, wenn man in Teilzeit arbeiten geht – ob gewollt oder nicht – und man benachteiligt wird, weil man pro Woche wenige Stunden weniger arbeitet als die Kollegen?
Wenn man bei Gehaltserhöhungen übergangen wird, oder nur Projekte bearbeiten darf, bei denen der Praktikant mehr Verantwortung trägt?

Welche Vereinbarkeit lebt der Mann, der sich eine Elternzeit wünscht, sie sich aber nicht leisten kann? Oder der Mann, der alleiniger Ernährer einer vierköpfigen Familie ist? Der mehr Zeit im Büro verbringt, als es gesund und förderlich ist?

Vereinbarkeit ist ein beschissener Mythos.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein Mythos. Vielleicht erfunden von Leuten, die keine Kinder haben?

Dieser Artikel soll nicht (nur) auf die Politik schimpfen, weil die Basis fehlt, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.
In vielen Fällen stehen wir uns auch selber im Weg und machen die Vereinbarkeit ein klein bisschen unmöglicher, als sie es eigentlich wäre.

Gibt es eine Lösung?

Hätte ich eine Lösung für das Problem, dass da heißt wie bringe ich Familie und Job unter einen Hut: ich würde vermutlich ziemlich bekannt und hoffentlich auch wohlhabend sein.

Nein, es gibt keine Lösung. Schon gar nicht eine, die für alle passt. Mit viel Glück kann man einige Leute mit einem Vorgehen abholen, aber was mit all denen, die durch das “normale” Raster fallen?

Vereinbarkeit von Familie und Beruf existiert nicht, wie es sich manche Leute vorstellen.
Familie und Job – das heißt Kompromisse, Verzicht, Ärger und Unwohlsein. Es ist ein täglicher Kampf ums glücklich sein, glücklich machen und glücklich werden – in der Hoffnung niemanden, den man liebt (Familie) oder etwas das man liebt (im Idealfall den Job) zu kompromittieren.

Was ich mir wünsche?

Ich erwarte nicht, dass mir jemand vorkaut, wie die Lösung in unserem Hause zum Thema Vereinbarkeit aussieht.
Aber ich wünsche mir, dass es gefördert wird, dass tue, was ich kann, um ein Leben aufrecht zu erhalten, dass ich für Lebenswert halte.

Wieso werden uns Eltern so viele Stolpersteine in den Weg gelegt? Nicht ausreichend Krippen-, Kita-, oder Hortplätze.
Trotz lebenslanger Einzahlung in den Rententopf kann die Rente nicht ausreichend sein. Keine Möglichkeit zu sagen: Ich möchte für mein Kind da sein – dann leide ich (mein Konto) später darunter.

Ich wünsche mir ein Umdenken von vielen Vorgesetzten in den Firmen, die glauben, dass Teilzeit – oder Muttersein – ein Karrierekiller ist. Verständnis von Firmen für die Situationen, denen sich Eltern täglich stellen müssen.

Es gibt so viele Dinge, die ich mir wünschen würde, dass sie sich ändern. In denen Eltern mehr Unterstützung verdient hätten.

About the author

Claudia

Claudia

Gründerin & Chefredakteurin von FulltiME.
Vollzeitbeschäftigte Ehefrau und Mama einer Tochter.
"You are not too busy. It's just a matter of priorities".
Claudia möchte mit dem Magazin gerne zeigen, wie man Beruf, Familie und eigene Bedürfnisse unter einen Hut bekommt.

2 Comments

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  • Hey Claudia!

    Wenn es nicht geht, muss es wohl an dir liegen. – Genau das ist der entscheidende Satz. Denn es liegt eben nicht an uns. Schließlich müssen wir mit dem arbeiten, was uns als Eltern zur Verfügung gestellt wird und das ist in vielen Fällen leider alles andere als familienfreundlich.
    Du hast die Lösung angesprochen: Verständnis. Wenn jeder, egal in welchem Bereich, ein wenig mehr Verständnis aufbringen würde und entsprechende Lösungsmöglichkeiten und -wege anbieten würde, wäre uns Eltern viel mehr geholfen.
    Zudem denke ich, dass viele Menschen, ob nun Arbeitgeber oder Politiker, die Situation aus eigener Erfahrung kennen. Da dürfte etwas mehr Einfühlungsvermögen ja wohl angebracht sein und noch wichtiger: das Verständnis dafür, dass Mütter, gerade mit Kind zu enormen Leistungen fähig sind.

    Liebe Grüße
    Linda

    • Danke für deinen Kommentar, liebe Linda!
      Und leider liegt genau da das Problem: die Eltern glauben, dass sie das Problem sind. Es muss ja gehen!

      Ich wünsche mir, dass unsere Kinder einmal nicht mehr mit diesen Problemen zu kämpfen haben. Manchmal müssen Generationen so etwas eben für die folgenden Generationen auskämpfen. Und das tun wir jetzt! 💪🏻

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