Philosophie

Der Notre Dame brennt – und mit ihm verbrennt meine Vergangenheit. Und Zukunft.

Ich habe einen Teil meiner Jugend (einige Wochen im Jahr für 11 Jahre) bei einer französischen Familie verbringen dürfen.
“Wir” lebten im Herzen Paris’ und ich habe diese Zeit ohne Einschränkungen positiv in Erinnerung.

Seit jeher ist Frankreich – ist Paris – meine Heimat. Keine zweite Heimat, nein, es ist meine Heimat.

Als nun gestern der Notre Dame brannte, fühlte ich augenblicklich ein komisches Gefühl der Beklemmung und Trauer.
(Zum jetzigen Zeitpunkt – kurz vor 23 Uhr – brennt die Kirche noch lichterloh und es ist nicht klar, ob man wenigsten die zwei Haupttürme retten kann)

“Es brennt ein Teil von uns Allen.” Präsident Macron

Erst war ich überrascht – weil: schließlich geht es hier doch nur um ein Bauwerk? Wieso wallten meine Gefühle so stark auf?
Aber innerhalb von Sekunden dämmerte es mir: da brannte meine Vergangenheit.

Meine Erinnerungen, die ich so gerne mit meiner Tochter teilen wollte, der ich zeigen und vermitteln möchte, wieso ich Frankreich, wieso ich Paris so liebe.
Natürlich, diese Erinnerungen ändern sich nicht durch den Brand, aber sie geben meinen Geschichten einen faden Beigeschmack.

Als ich ein Kind war, sah die Kirche noch anders aus, mein Schatz. Wie auf diesem Bild.

Erinnerungen verändern sich mit dem Verlust von Bauwerken

Es ist wie damals, als ich das erste Mal an Ground Zero stand: ich hatte keine Vorstellung.
Natürlich fühle ich den Schmerz der verlorenen Seelen, die dort diesem barbarischen Akt zum Opfer gefallen sind (und es ist auch nicht vergleichbar mit einem Brand!), aber ich sehe New York nicht wie es früher war.
Unverwundet mit den Twin Towers.

Ich kenne nur das New York danach – und so wird meine Tochter auch nur das Paris danach kennenlernen – und das macht mich traurig.

Unsere Welt ist so schnelllebig – und Geschichte erdet uns

Unsere Welt verändert sich wie auf der Überholspur, ist durch die neuen Technologien rasend schnell geworden. Wenige Dinge geben uns einen Anker und den Halt, den wir an der einen oder andern stelle benötigen.

It’s in our nature to mourn when we see history lost (Barack Obama)

Notre Dame war einer meiner Pariser Anker. Er stand dort, so lange wie ich – und alle möglichen Generationen vor mir / uns – denken konnten (Eröffnung im Jahr 1345). Er war konstant. Nicht wegzudenken in seiner Pracht.

Der Brand hat diese Kirche zerstört und damit verändert sich meine Zukunft und Vergangenheit.

Es ist seltsam Bauwerke, die so viele Jahrhunderte überdauert haben, fallen zu sehen.
Mit ihnen fällt ein Teil meiner Vergangenheit und Zukunft. Etwas, dass ich mir bewahrt habe, das ein Symbol für meine glückliche Zeit in Frankreich, in meiner Kindheit war. Etwas, dass ich so gerne weitergegeben hätte.

Heute haben viele Erinnerungen von vielen Menschen einen kleinen, aber feinen Beigeschmack bekommen.
Denn das, was wir über 800 Jahre bewahrten, wird niemand, der es nicht bis heute sah, mehr sehen können.

Natürlich, meine Geschichte verändert sich nicht, aber wollen wir nicht für unsere Kinder bewahren, was uns glücklich macht? Was uns zu den Menschen macht, die wir heute sind? Ihnen etwas zeigen, damit wir unsere Erinnerungen und Gefühle besser verdeutlichen können?

Es ist das erste Mal, dass mich die Zerstörung eines Bauwerkes so berührt.

Kinder tun viel mit einem.

Sie zeigen einem Gefühle, von denen man nicht einmal ahnte, dass es sie gibt.
In diesem Fall lehrte mich meine Tochter, dass wir halten müssen, was uns auf dieser Erde etwas bedeutet. Dinge, die uns geprägt haben und die uns und unseren Leben Bedeutung gegeben haben.

“Sammle keine Dinge, sondern Augenblicke”, sagt man. 

Heute brennt ein Augenblick.
In diesem Moment brennt der Augenblick vieler Menschen.

Man hätte dieses Feuer wohl nicht stoppen können und wahrscheinlich waren die Tage dieser imposanten Kirche einfach gezählt.
Wer weiß.
Aber ich beende diesen Abend voller Demut über die Dinge, die unsere Vorfahren schufen. Demut darüber, dass sie mir diese Erinnerungen ermöglichten.

Und meine Tochter gibt mir neben dieser Lehrstunde über Demut auch etwas Hoffnung.

Vielleicht schaffe ich es, ihr zu vermitteln, dass es lohnenswert ist, die Kunstwerke und Schätze unserer Welt zu erhalten.
Damit Millionen von Menschen ihre Geschichten, ihre Gefühle, ihre Vergangenheit und ihre verblassten Träume an all die weiter geben können, die diese Erde nach uns pflegen dürfen.

In der stillen Hoffnung, dass sie viele Dinge besser machen, als wir es je getan haben.

About the author

Claudia

Claudia

Gründerin & Chefredakteurin von FulltiME.
Vollzeitbeschäftigte Ehefrau und Mama einer Tochter.
"You are not too busy. It's just a matter of priorities".
Claudia möchte mit dem Magazin gerne zeigen, wie man Beruf, Familie und eigene Bedürfnisse unter einen Hut bekommt.

2 Comments

Click here to post a comment

Newsletter


Abonniere den Podcast!

Hier findest du uns!

Don't be shy!
Wir freuen uns mit dir in Kontakt zu treten!

FulltiME Community

Meine Empfehlung

Ein toller Kurs, der mir hilft, Instagram zu verstehen & optimal für das FulltiME Magazin zu nutzen. Ich bin begeistert 💙